Lech Kowalski

 

"Kowalski wurde in den 1950er Jahren in London als Sohn polnischer Immigranten geboren, die aus einem russischen Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg geflohen war. Er wuchs wie ein Nomade auf.

 

Seine Familie ließ sich schließlich in der postindustriellen Stadt Utica, New York, nieder. Als er zehn war und immernoch Schwierigkeiten mit der englischen Sprache hatte, machte er in der Schule eine schwere Zeit durch. Ein paar Jahre später erhielt Kowalski ein Geschenk, das seine Welt auf den Kopf stellen sollte: eine Super-8-Kamera.

 

Mit 14 drehte er seine ersten Film "The Danger Halls" über High School Kiffer. Der Film ist ein düsteres Debüt des angehenden Filmemachers, der schon bald eine trostlose Serie an Filmen drehte, deren ästhetische Böswilligkeit oft auf den von Kowalski thematisierten Drogen seiner Wahl beruhte. Jeder der darauffolgenden Filme behielt eine ambivalente Bessenheit mit sowohl legaler Konfrontation als auch narkotischem Missbrauch bei, und dies vor laufender und bei ausgeschalteter Kamera.

 

1971 war Kowalski von Utica nach New York Cirty geflohen, wo er sich an der "School of Visual Arts" einschrieb und seine zwei größten Einflüsse, Shirly Clarke und Tom Reichmann entdeckte; beides frühe Vertreter des Cinema Vérité. Clarke war eine Weiße der Mittelschicht, die Filme über schwarze Junkies drehte. Reichmann, ein verarmtes Genie, das vor allem für sein sachliches Filmportrait von 1968 über die Jazzlegende Charles Mingus bekannt war, befasste sich mit allem – von billigem Porno bis hin zu kommerziellen Gigs und Sportevents. Er nahm sich 1975 das Leben.

 

Mit 25 hatte Kowalski bereits über ein Dutzend Pornos gedreht und dabei Regie geführt. Obwohl diese angeblich durch die Mafia finanzierten Filme nicht über die 1970er hinausgingen, beschrieb der ehemalige New Yorker Kunstautor Mark Kramer, der ein bezeichneter "Player" in Kowalskis "Loops of Violence" war, sie als "Horrorfilme mit dem Budget so teuer wie ein Bier" und "eine beunruhigende Hommage an den Anti-Sex."

 

Paradoxerweise war es aber die Pornoindustrie, die noch immer in den Lederwindeln steckte, der Sex am wenigsten zu bedeuten schien. Sie nutzten noch nicht einmal Gewalt in den Filmen, um ihre Verachtung zu verschleiern Die verlorenen Seelen der in New York knospenden Pornoszene taten es einfach – und sie taten es billig. 1977 vollendete Kowalski seinen ersten Film in Spielfilmlänge, "Sex Stars", ein Dokumentarfilm über die Pornodarsteller in New York City.

 

Bald darauf nahm die Punkbewegeung ein weit heidnischeres als hedonistisches Credo an: Kowalski interessierte sich jedoch erst für den Punk, als Heroin und kommerzielles Interesse die Bewegung praktisch ausbluten ließ – daher der Titel seines 1981 gedrehten Films "Dead on Arrival" (D.O.A.). Er nutzte die Unheil verkündende "Tour of America" der Sex Pistols als sinnbildliche Bühne, auf der er seine Vision des Untergangs einer gesamten Subkultur aufbaute.

 

Das unbefugte Filmen der Sex Pistols spiegelte das feindselige Klima wider, das im Footage so gewaltsam und chatoisch wie die Tour selbst dargestelt wird. D.O.A. wurde von einer bedrückenden Leichenatmosphäre durchdrungen, die durch die einzigartige Tonbearbeitung durch Kowalskis engen Mitarbeiter Val Kulowsky verstärkt wurde. Produzent Tom Forcade, der das High Times Magazine durch das Schmuggeln von großen Mengen an Gras aus Zentralamerika gründete, starb an einer selbstverursachten Schusswunde im November 1978.

 

1985 drehte Kowalski seinen bis dato schockierendsten Film "Gringo". Dieses fast nicht anzusehende Werk kaltblütiger und doch seltsamerweise mitleidsvollen Neutralität lässt fiktive Teile mit authentischem Heroinmissbrauch miteinander verschmelzen und zeigt das Leben eines bekannten New Yorker Dopesüchtigen namens John Spacely auf. Ann Barish, die Frau des Filmproduzenten und Gründer des Planet Hollywood Keith Barish, finanzierte einen Großteil dieses Projektes, und durch sie erhielt der Film hitzige Kommentare von Stacy Keach und David Keith. Matt Dillon, der mit Kowalskis Exfreundin zu der Zeit zusammen war, erschien kurz in der Anfangsszene des Films. Die Erstaufführung von "Gringo" fand in der Riker's Island Strafkolonie statt und wurde auch im Weißen Haus als Anti-Drogen-Aufklärungsfilm gezeigt. Endlose Szenen mit blutigen Waschbecken, stümperhaften Spritzen und an einer Überdosis gestorbene Menschen in ihrem eigenen Erbrochenen waren für die meisten Zuschauer zu extrem. Froma Films veröffentlichte den Film letztendlich als "Story of a Junkie".

 

In den darauffolgenden Jahren eskalierte die Notlage der in Manhattan lebenden Obdachlosen so weit, dass dies niemand mehr ignorieren konnte. Niemandem war die Armut fremd. 1989 verbrachte Kowalski mit seiner Kamera Monate in einer Suppenküche an der Lower East Side, die sich am Rande der Inbesitznahme durch das New York Housing Committee befand. Der daraus entstandene Film "Rock Soup" wurde im öffentlichen Fernsehen gezeigt. Doch, wie bereits zuvor, hielt Kowalskis Intensität die Öffentlichkeit davon ab, sich den Film anzusehen. Das Sundance Film Festival lud Kowalski 1989 ein und bot ihm an, Rock Soup dort zu zeigen. Dann jedoch änderten die Organisatoren plötzlich ihre Meinung, als der Regisseur die Einladung an ein ganzes Heer von Obdachlosen weiterleitete, die in einem Bus aus Salt Lake City angefahren kamen. In New York wurde eine Vorführung im Film Forum abgebrochen, als die Darsteller des Films die Fenster eines angrenzenden Restaurants einschlugen, in dem eine Premierenfeier abgehalten wurde.

 

Erst ein Jahrzehnt später vollendete Kowalski einen weiteren Spielfilm, "Born To Lose". Der Film erwies sich als sein komplexestes und problamatischtes Wagnis nach D.O.A. Eine Vorpremiere beim Toronto Film Festival 1999 stellt den Anfang des Endes dieses jahrzehntelangen Kampfes dar, eine Geschichte auseinanderzupflücken, die nur Kowalski selbst richtig erzählen konnte: Das Leben des Proto-Punk-Gitarristen und Sinnbild eines Junkies Johnny Thunders.

 

Thunders, auf dessen Band-Flyern stand: "Seht ihn euch an, solange er noch lebt!", erfand (mit den New York Dolls) den Sound, auf den später Punk-Musiker wie The Ramones ihren Musikstil basierten. Aber Thunders war kein gewöhnlicher Junkie, er ließ William Borroughs aussehen wie Johannes den Täufer. Sein Exzess – fast schon pornografisch – wurde auf wundersame Weise von Rock 'n' Roll-Anhängern geleitet, bis er 1991 tot in einer Absteige in New Orleans mit genügend Beweisen für einen Mord aufgefunden wurde.

 

"Born To Lose: The Last Rock 'n' Roll Movie" erhielt eine kritischste Aufmerksamkeit, wie keiner von Kowalskis vorherigen Filmen. Der Film zeigt die angeschlagene Punk-Szene New Yorks – ein scharfer Blick auf ähnliche Bereiche, die Kowalski sonst thematisiert. "Born To Lose" ist nicht einfach ein morbider und moralfreier Blick auf die Wirklichkeit des geplanten Selbstmords, sondern ein beachtenswertes, gewaltiges Drama und die dunkle Seite der Medaille des Rockstar-Traums von einem Leben in einer Villa und Limousinen.

 

Dieser Film war die Basis meines ungebändigten Arbeitsverhältnisses mit Lech Kowalski. 1999 gestaltete ich das Filmposter und schrieb über die Veranstaltung in Toronto. Vor allem aber erlaubte ich ihm, nachdem ich mich nur kurz nach der New Yorker Vorpremiere hemmungslos in Whisky gestürzt hatte und mir dann bei einem Sprung aus dem zweiten Stock meine beiden Füße zertrümmerte, meine blutigen Hände und Knie zu filmen, die ich mir auf allen Vieren kriechend auf dem Weg ins Krankenhaus in Midtown aufgerieben hatte. Niemand hatte gesagt, dass es leicht sein würde, mit Kowalski zusammenzuarbeiten.

 

Dreißig Jahre nachdem er als Antwort des amerkanischen Underground auf Werner Herzog erschienen war, arbeitet Lech Kowalski an einer düsteren Trilogie des europäischen Projekts mit dem gemeinsamen Titel "The Wild, Wild East". Der erste Teil dieser Trilogie ist der kürzlich vollendete Film "The Boot Factory" ("Stell dir vor, die Sex Pistols machen Stiefel statt Musik", sagt Kowalski.) Der zweite Teil heißt "Hitler's Highway" (ein Roadtrip ohne Drehbuch auf einer düsteren Straße, die vom Dritten Reich erbaut wurde, um die Invastion Osteuropas zu erleichtern). Und schließlich "The Fabulous Art of Survival", der sich mit den geschützten 15.000 Prostituierten befasst, die derzeit durch Polens Straßen gehen.

 

Lech Kowalskis Filme werden langsam in einer Zeit erwachsen, in der die Realität vielleicht doch noch profitabler wird als die Fiktion. Derzeit gibt es ein marginales Publikum mit einem seltsamen und furchtbaren Appetit auf die bittere Realität in Filmen, die besessen den Horror seiner Krankheit – der menschlichen Verfassung – dokumentieren. Die Franzosen, die Charles Bukowski verschlingen wie die Amerkaner Stephen King, respektieren diese Filme. Amerikas Geschmack ist entschieden süßer. Aber bei dem Erfolg von "The Blair Witch Project" und konfrontierenden Filmen wie "American Beauty" oder "Fight Club" gibt es vielleicht doch noch eine Zukunft für Kowalskis Werke in den Staaten."

 

Von Gene Gregorits, Filmmaker - The Magazine of Indepentend Film 7/24/01