Nelly Kaplan

 

Kaplan wurde Mitte der 1930er in eine russische Familie geboren, die bereits seit über drei Generationen in Südamerika lebte. Mit 20 verließ Kaplan ihre Heimat und Geburtsstätte Buenos Aires und ließ sich in Paris nieder, wo sie über 50 Jahre lang blieb und arbeitete. Als leidenschaftlicher Filmfan fing Kaplan an, als Korrespondentin eines argentinischen Filmmagazins in Paris zu arbeiten. Als sie 1954 allerdings den legendären französischen Filmpionier Abel Gance (Napoleon: L'Accuse, 1927) kennerlernte, erlebte sie einen Karriereschub als Filmemacherin. Als Assistentin und Creative Associate drehte zusammen mit Gance drei Spielfilme (Magrima, 1956; Austerlitz, 1960; Cyrano et d' Artagnan, 1964), bevor sie sich selbst als Filmemacherin einen Namen machte. Fast zwei Jahrzehnte nach ihrem ersten Treffen war Kaplan Drehbuchautorin und Regisseurin ihrer hoch gelobten Dokumentation Abel Gance et son Napoleon (1984): ein persönliches Zeugnis über unveröffentlichte Dokumente und Tonmaterial, das die Entstehungsgeschichte seines Meisterwerks der Siebten Kunst verfolgt.

 

In den späten 50ern entwickelte Kaplan außerdem ein starkes Interesse am Surrealismus – der später ihre eigenen Bücher und Filme beeinflusste – ein Interesse, das durch ihre Freundschaft mit André Breton, Philippe Soupault und Theodore Fraenkel, u.a. genährt wurde. Sie fing an, Kurzdokumentationen über Kunst zu drehen, die bis heute internationale Anerkennung für ihr repräsentatives Feingefühl für Künstler und das Kunsthandwerk genießen (so z. B. Gustave Moreau, 1961; Rodolphe Bresdin, 1962; Le regard Picasso, 1967 – Lion d'Or, Venice Film Festival ).

 

Noch bevor Kaplan Regie bei dem Film über Picasso führte, hatte sie sich als Romanschriftstellerin einen Namen gemacht. Angeregt durch den Surrealismus und Freud veröffentlichte sie ihre Gedichte und Romane, einige Kurzgeschichten, Le Reservoir des Sens (1966) sowie erotische Geschichten unter dem Pseudonym BELEN.

 

1969 jedoch kam Nelly Kaplan erst richtig in Schwung, als ihr mit ihrem ersten Spielfilm La fiancée du pirate (A Very Curious Girl, USA, deutscher Titel: Die Piratenbraut), ein provokanter und sarkastischer Film mit Bernadette Lafonte in der Hauptrolle (Truffauts Une belle fille comme moi, Eustaches La Maman et la putain), der internationale Durchbruch gelang. Picasso soll diesen Film als "Unverschämtheit, die bereits in die feine Kunst übergeht" bezeichnet haben. Es handelt sich um die Geschichte einer Teilzeit-Prostituierten und Vollzeit-Hexe, die die Heuchlerei einer Kleinstadt geschickt zunichte macht. Die Piratenbraut, ist ganz und gar kein Softporno, auch wenn der Film als solcher veröffentlicht wurde. Eher handelt es sich hierbei um eine raue Komödie (Kaplan nennt Laurel & Hardy und die Marx-Brothers als Einflüsse ihrer Arbeit), mit einer sinnlichen, magischen, für Freiheit kämpfenden und die Moral in Frage stellenden Heldin als Drahtzieherin. Diese Eigenschaften wurden später Markenzeichen ihrer späteren beiden Spielfilme Papa, les petits bateaux... (1971) und N'a (1976).

 

In Papa handelt es sich um eine Geschichte, in der eine wohlhabende, nach Ruhm strebende junge Erbin Venus de Palma (mit Spitznamen Cookie, gespielt von Sheila White) von einer Bande von Außenseitern entführt wird. Wie in einem Comic wird theatralisch die Entführung dargestellt. Allerdings erweist sich die Bande als vollkommen inkompetent, als eine andere Bande versucht, etwas von dem Lösegeld abzubekommen. Alles gerät außer Kontrolle, als Cookie ihre List und Weiblichkeit einsetzt, um unter den Entführern Unstimmigkeit zu verbreiten.

 

Ihr von Artur Brauners Produktionsfirma Central Cinema Company (CCC) produzierte, dritte Spielfilm, eine Adaption von Emmanuelle Arsans Novelle N'a, ist vielleicht Kaplans bekanntester Film in Deutschland. Der Film porträtiert die Erforschung jugendlicher Sexualität in fast märchenhafter Atmosphäre. Die Heldin, Sybille (Ann Zacharias), ist ein junges Mädchen, das sich gegen ihre kleinbürgerliche Familie und deren Heuchelei stellt. Als sie dabei erwischt wird, wie sie "schmutzige Bücher" vom Buchhändler Axel stielt, behaupte sie, dass sie noch bessere Geschichten schreiben könne. Er fordert sie heraus, dies zu tun, was sie tatsächlich macht. Es entsteht eine erotische Geschichte, die zum Teil auf ihrer "eigenen praktischen Erfahrung" beruht. Als das Buch N'a veröffentlicht wird und ein Skandal entflammt, bleibt Sybille aufgrund ihrer Minderjährigkeit anonym. Axel lehnt sie deswegen und wegen ihrer Rachemotive ab: Es wird unangenehm für ihn.

 

 

Kaplans vierter Spielfilm, Charles et Lucie (1979, Daniel Ceccaldi und Ginette Garcin) bleibt ihrem Humor und ihrer Ironie treu. Es handelt sich hierbei um eine bewegende Komödie über ein Ehepaar mittleren Alters, deren Leben aufgrund einer unerwarteten Erbschaft auf den Kopf gestellt wird. Ein On-The-Road-Movie im sonnigen Südfrankreich, in dem die oft tragischen Abenteuer des Paares die beiden dazu bringen, ihre Liebe zueinander wiederzufinden und wieder zu entfachen. Kaplan selbst verleiht diesem Film in der Rolle der Wahrsagerin Nostradama – auf der Suche nach dem flüchtigen "Grünen Licht" im Sonnenuntergang – einen magischen Touch.

 

Zwischenzeitlich arbeitete Kaplan nach ihrer Tätigkeit als Regisseurin bei Charles et Lucie sehr viel für das französische Fernsehen, für das sie zusammen mit ihrem langjährigen Kollegen und Fernsehautor Jean Depot Drehbücher schrieb. 1990-91 war sie Drehbuchautorin und Regisseurin ihres fünften und letzten Films Plaisir d' Amour, welcher noch einmal ihre Vorliebe für das Umherschweifen und unendliche Möglichkeiten im Leben beweist und ihre komischen Handschrift trägt. Der Don Juan der 1930er Jahre (Pierre Arditi) hat das Leben als Schürzenjäger satt und sucht nach Abwechslung. In der Verkleidung als Privatlehrer kommt er auf eine tropische Insel, um dort in einer Familie zu arbeiten. Diese Familie entpuppt sich jedoch als ausschließlich weiblich. Ein gemeiner Trick, der in ihm wieder die Versuchung regt, die er so sehr zu umgehen versucht hatte.

 

Trotz Kaplans erotischer Thematiken, die häufig mit paradoxem, unterschwelligem Feminismus gespickt waren (Eigenschaften, die es – wie einige Kritiker anmerkten – für Kaplan vielleicht schwer gemacht haben, ein größeres Publikum anzusprechen), wurde sie zitiert: "Ich bestehe darauf, dass es keinen Unterschied in der Technik und der Form bei Filmen von Männern und Filmen von Frauen gibt. Wenn man mir sagt, es sei offensichtlich, dass meine Filme von einer Frau gemacht wurden... dann sage ich, dies liege daran, dass meine Filme nicht frauenfeindlich sind. Aber auch Männer können nicht-frauenfeindliche Filme drehen, zumindest einer oder zwei."